Mensch ärgere Dich nicht

Wer kennt das Spiel nicht? Wer kennt das Gefühl nicht, wenn die kleinen Männchen immer wieder aus dem Spiel geworfen werden und auf ihren Platz verwiesen werden.

 

Oder eine Spielfigur befindet sich auf dem Spielfeld und bewegt sich nur langsam vorwärts. Der Würfel zeigt nur Einsen und Zweien. Die Nerven sind angespannt und man hat das Gefühl, von allen überholt zu werden. Eigentlich möchte man jetzt lieber aussteigen und sich mit einem Buch in die Sonne setzen.

 

Dann ist der Würfel endlich in meiner Hand. Ich habe es im Griff. Die Gedanken versuchen den Wurf zu beeinflussen. „... eine Sechs ... eine Sechs ...“. Wir halten kurz inne und würfeln. Der Würfel rollt und kippelt. Es ist ... keine Sechs geworden. Wir stehen weiter auf unserem Platz und warten.

 

Das Spiel zieht an mir vorbei. Die anderen Figuren gehen an meinem Haus vorbei, ich sitze fest, kann nur zusehen und hoffen ...

 

Dieses Spiel spiegelt für mich die Situation wider, in der wir uns alle gerade befinden. Wir stehen erwartungsvoll auf unseren Plätzen. Stehen in unseren Häusern und möchten wieder raus ins Leben. Raus auf das Spielfeld. Zurück in unseren Alltag. Wir wollen aktiv am Spielgeschehen teilnehmen. Wir wollen aktiv in unserem Leben sein und bleiben.

 

So wie wir im Spiel auf eine Sechs hoffen, so hoffen wir gerade auf ein kleines Wunder. Wir wollen wieder raus und mitspielen. Wir wollen in der Sonne sitzen und einen Kaffee in einem kleinen Straßencafé trinken. Wir wollen wieder unsere Wege gehen dürfen. Die Kinder wollen in die Schule, die Alten wollen ihre Jahre bewusst leben und die Menschen wollen ans Meer, in die Berge und einfach das Leben leben. Reisen, Partys, Freunde treffen, Kultur genießen und alles was zum eigenen Leben dazugehört. Jeder möchte sorglos in der Sonne sitzen.

 

Dann gibt es in jedem Spiel die Spieler, die einen Vorteil haben. Die die besseren Würfel haben. Bei denen jeder Wurf ein Gewinn ist. Natürlich gelten für sie die gleichen Spielregeln, aber sie sind entspannter, freundlicher, lebensbejahender. Sie sind schon viel weiter im Spiel und ihre Figuren jagen über das Spielfeld.

 

In meinen Behandlungen ist das Thema Corona natürlich immer sehr präsent.

 

Welches Land hat die besseren Impfstrategien oder die meisten Impfdosen. Wo dürfen sich Menschen zusammen aufhalten und wo nicht. Warum darf diese Berufsgruppe arbeiten und die andere nicht. Welche Geschäfte verkaufen Produkte für den täglichen Bedarf und welche nicht ...

 

Diese Liste ist endlos lang und kann immer weitergeführt werden. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Welt an ihnen vorbeizieht, dass sich die Mitmenschen nicht für ihre schlechte Ausgangssituation interessieren.

 

Welcher Mitspieler kümmert sich schon um die schlechten Würfe der anderen? Wenn wir vorne liegen ist alles gut. Wer hinten liegt, verliert den Anschluss.

 

Was kann man jetzt machen? Den Kopf in den Sand stecken? Schimpfen? Schlechte Laune verbreiten? Das Spielfeld vom Tisch fegen? Pfuschen?

 

Es gibt viele Strategien und viele Menschen entscheiden aus dem Impuls heraus. Sie wollen nur, dass es für den Moment besser wird. Einfach besser. Einmal kurz wieder durchatmen und das Gefühl genießen, vorne mitzuspielen.

 

Welche Methode die Beste oder die Richtige ist will und kann ich nicht sagen. In den Behandlungen sind die erarbeiteten Lösungen immer sehr individuell. Allerdings sind die Wege zu den Lösungen sehr ähnlich.

 

Die Patienten wünschen sich einem Raum der Ruhe. Langsamkeit. Den Fokus zurück auf die eigenen Wünsche zu legen. Raus aus den Gedanken. Einmal wieder Informationen sortieren und bewerten. Was ist wirklich wichtig für mich? Was brauche ich heute? Was brauche ich wirklich?

 

Im Spiel werden wir auch dann wieder entspannter, wenn wir uns die Situation bewusst machen. Wenn wir beobachten, dass jeder Mitspieler die gleichen Probleme hat. Das jeder mal gewinnt, aber auch verliert. Das jeder Mensch sich ärgert und freut. Das das Spiel nur funktioniert, weil es mehrere Spieler gibt.

 

Wir sind nicht allein mit unseren Sorgen und Ängsten. In unserem Umfeld finden wir Menschen, die uns verstehen oder denen es ähnlich geht.

 

Für mich ist es therapeutisch immer wichtig, den Menschen den Raum zu geben, sich wahrzunehmen. Zu spüren, was sie fühlen. Zu beobachten, wie sie reagieren. Zu verstehen, warum sie genauso reagieren und was sie sich dadurch erhoffen.

 

Je klarer wir mit uns selbst sind, umso deutlicher können wir die Reaktionen unserer Mitmenschen verstehen. Wir bekommen Mitgefühl und Verständnis. Unsere Herzen bleiben offen. Die Lungen können entspannt atmen und wir bleiben im Fluss.

 

Vielleicht würfeln wir immer noch keine Sechs oder wir kommen immer noch nicht richtig voran. Aber wir verlieren uns nicht und wir verstehen, dass es wieder bessere Würfe geben wird. Jeder wird mal gewinnen. Jeder Mensch kann Mitgefühl bekommen, wenn er sich dafür öffnet.

 


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